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Eine gekürzte Fassung des nachfolgenden Textes erschien im Keramikmagazin 5/2003.

Im Gewächshaus

Sandy Brown, bowl (2003)
im Studio
Julia Beyer, Dose
Julia Beyer, kleine Platte (2003)
Julia Beyer, Schuessel
Glasiertisch
Sandy beim Dekorieren
Sandy Brown, plate (2002)
Julia Beyer, Modelle fuer Sitzbank
Julia Beyer, Kanne und Becher (2003)
Julia Beyer, Kaeseglocke (2003)
Julia Beyer, Portraet in Appledore

 

 

Spiralen finden sich immer wieder aufs Neue in verschiedensten Variationen in Sandy Browns Keramiken und Bildern. Sie strahlen Dynamik und gleichzeitig ein In-sich-Ruhen aus und nichts könnte Sandys Person oder ihr Leben besser spiegeln, als dieses rhythmische Kreisen, das kein Anfang und kein Ende zu haben scheint. Der Kreis schließt sich nicht, er setzt sich fort, baut auf Vergangenes und ist doch kein Wiederholen, sondern die einzig offensichtliche Fortführung dessen. Etwas Neues und Eigenes. "Man kommt zurück, vielleicht zurück zum Ursprung, aber es fühlt sich anderes an, es ist anders." Der Ursprung ist ebenso sichtbar wie wegweisend und für Sandy liegt er - nicht nur in keramischer Hinsicht - in ihrem 4jährigen Aufenthalt in Japan. Im selben Alter wie sie, als sie, wie sie sagt "zufällig" die Keramik und den Ton für sich entdeckt hat, trieb es mich in Englands Südwesten, nach Appledore, zu Sandy Brown. Sicher gezielter und bewußter aber mit der selben Neugier und Bereitschaft für Veränderungen und neue Impulse.

Sandy hat sich diese Offenheit, Phantasie und Abenteuerlust ihr Leben lang bewahrt und verteilt sie mit vollen Händen. Alltag und Kunst sind so miteinander verwoben, wie ich es noch bei keinem anderen Keramiker erlebt habe. Sandy, ihre Keramik und Kunst sind im ganzen Haus präsent, sei es nun der Eierbecher, das Waschbecken oder ein wandfüllendes Bild. In ihrem Geschirr spiegelt sich die Freude, Essen angemessen zu servieren und zu genießen; und so wie sie ihre Keramik immer wieder neu und doch unverwechselbar gestaltet, so kocht sie auch. Es ist ein offenes, warmherziges Haus, in dessen Obergeschoss man unmittelbar und wie auf einem Schiff Ausblick auf die Mündung zweier Flüsse in den Atlantik und das ständige Wechselspiel von Ebbe und Flut hat.

Ihre Erlebnisse und Erfahrungen aus Japan sind bis heute lebendig und greifbar geblieben. Nicht nur in ihren lebhaften, anschaulichen Erzählungen, sondern vor allem in ihrem täglichen Leben und in ihrem Umgang mit Ton und Farbe. Der gesamte künstlerische Prozeß ist geprägt von spielerischer Leichtigkeit, Entspanntheit, Ruhe und vor allem Spaß. Wie ein Leitfaden wirkt ein Ausspruch Hamadas, den sie nicht nur zitiert, sondern lebt: Der Umgang mit Ton, das "Machen" ansich, solle sich so anfühlen, als ob man bei Sonnenschein und leichter Brise einen Hügel hinabgeht. Man fühlt sich an der Hand genommen von ihr in diesem Bild, nicht um geführt zu werden, sondern um zu bestärken und zu bestätigen. Und diese Grundstimmung war gleichzeitig Potenzial und Voraussetzung für einen 8-monatigen Spaziergang dieser Art.

Auch zum tatsächlichen Spazierengehen wäre Platz in der ehemaligen Handschuhfabrik, die Sandy vor vier Jahren gekauft und in ihr Studio umgewandelt hat. Es ist nur wenige Schritte von ihrem Haus entfernt und scheint doch eine andere Welt zu sein. Drei große, helle Räume, die nicht nur wegen der idealen Lichtverhältnisse durch schräges Oberlicht und die üppigen Keramiken darin an eine Art Gewächshaus erinnern. Immer wieder kam mir im Laufe meines Aufenthalts dieses Bild in den Sinn, und ein Gewächshaus ist es wirklich. Ideen-Samen fallen auf fruchtbaren Boden, beschützt und unterstützt durch ideales Klima wachsen Phantasien, Möglichkeiten und der eigene Glaube daran.

Pflanzen waren dann auch das erste künstlerische Thema, dem ich mich zuwandte. Inspiriert von den Orchideen und Bananenbäumen, die im überdachten Innenhof von Sandys Haus wachsen und dem buchstäblichen, zeitraffenden Wachsen eines Tonklumpens auf der Drehscheibe, entstehen trichterförmige, auch im trockenen Zustand noch beweglich und sich zu bewegen scheinende Gewächse. Ich lasse schmale Tonstreifen daran herunterranken, die den Formen einen tanzenden Charakter geben.

Erfrischend schnell vergessen waren an die Lehrzeit erinnernde Worte wie "Wandstärke", "Stichmaß" oder "Tongewicht" und wichtigere und interessantere Aspekte gewannen mehr und mehr an Bedeutung. übernommene Vorstellungen von Richtig und Falsch, ästhetisch oder unästhetisch geraten sehr schnell ins Wanken, wenn man Sandy beim Drehen oder allgemein beim Umgang mit Ton zusieht. Unachtsam, nachlässig und fast gewalttätig wirkt es auf den ersten Blick und ist doch geprägt von einem tief verwurzelten Verständnis für Materialgerechtigkeit, Natürlichkeit der Formgebung und fast ausschließlich organischer Energie. Ich sah sehr bald wieviel schlichte Schönheit in einer nach herkömmlichen Maßstäben "vereierten" Schale oder einer vermeintlich "unsauberen" Form liegt, der ein ebenso freies Dekor folgt. Wenn man Sandys Keramiken in die Hand nimmt, fühlt man den gebrannten und glasierten Ton weich und doch fest wie einen Händedruck. Sie sprechen neben allen Sinnen vor allem den haptischen an, und was könnte wichtiger sein für Dinge, die trotz oder gerade wegen der künstlerischen Freiheit in der Formgebung für den täglichen Gebrauch bestimmt sind.

Und so wandte auch ich mich sehr schnell wieder dem anfänglich gering geschätzten Thema Geschirr zu; aus dem Wunsch heraus, meine Keramiken anfassen, benutzen und nicht nur anschauen zu können. Die wie Henkel gezogenen Tonstreifen, die sich um die zu Anfang entstandenen "Gewächse" wanden, wurden zu einer Art Obsession und kringelten sich in allen Formen und Ausmaßen bald auch auf Tellern, Platten, Kelchen, Schalen und geschlossenen Gefäßen. Ob nun in Form von Henkeln, Füßen oder aus reinen Dekorzwecken, fasziniert hat mich in diesem Zusammenhang, wie herrlich das Material den Charakter des Weichen, Verformbaren und Beweglichen auch bis nach dem Brand bewahrt, wenn man es entsprechend behandelt.

Ich höre Sandy gern über ihre Arbeit sprechen. Es steckt soviel Selbstverständlichkeit darin, Sicherheit und überzeugung, so das ich immer wieder aufs Neue beflügelt bin, nur wenn sie so spricht. Sie beschreibt den kreativen Prozeß als etwas ungemein leicht zerstörbares, vergleichbar mit dem Arrangieren von Federn. Das öffnen der Tür, ein Luftzug, eine Bemerkung von einem Beobachtenden kann alles zerstören.

Dieses Verständnis und Wissen um die Bedürfnisse des Schaffens macht das Arbeiten mit ihr so wertvoll und wichtig. Mit fast schon therapeutischem Ehrgeiz und umso mehr Großzügigkeit, Interesse und Enthusiasmus regt sie vorallem zu einem an: Loslassen. Loslassen von Erwartungen in Endergebnisse, Erwartungen an sich selbst, Erwartungen von potentiellen Kunden. Wichtig sind ihr vorallem die Gespräche über entstandene Stücke, "Nein" wird aus dem Wortschatz gestrichen, es gibt nur noch ein "Ja. Und außerdem...". Ein Hinzufügen, das Herausfiltern der positiven Aspekte und kein Fokus auf Mängel.

Wir machen lustige übungen wie "30 Tiere in 30 Minuten" oder "30 Zeichnungen in 30 Minuten", die neben viel Spaß vorallem neue Ideen und Einsichten bringen. Durch die eben zeitbedingte, zwangsläufige Reduktion auf das Wesentliche, Skizzenhafte, die den Kern der eigenen Kreativität freilegt und so neue Wege eröffnet. Fast alle von Sandys eigenen Stücken sind Ergebnisse, Weiterführungen solcher Tonskizzen. Manches davon mit fast skulpturalem Charakter verbindet ihre Geschirrkeramik mit den "standing forms". Die überwältigende Präsenz der über einen Meter hohen aus zwei Tonlappen gebauten Formen wird umso nachhaltiger unterstrichen durch die energischen Bemalungen. Unumstößlich stehen sie da, markant und nachdrücklich und doch nie laut oder aufdringlich. Umso zerbrechlicher wirken meine "Streifen" daneben.

Ich habe Tonstreifen gezogen, viele hundert Tonstreifen, auf Sandys Anregung und um herauszufinden, ob und wohin diese Obsession führt. Zuerst lockten sie sich zusammen zu Knäulen und korallenartigem Getier und die schönste Vorstellung dabei war, Licht hindurchscheinen zu lassen; ein Fensterstück oder eine ganze Wand davon zu haben. Weiß und licht; leicht und doch stabil verwoben und verschlungen. Genug gehabt von den Locken und Wirbeln, komme ich zurück auf die Streifen ansich, lege sie über Tonwülste und Schaumstoffstücke. Sie formen unregelmäßig verwobene Bänke und ich stelle mir Sushi-Röllchen darauf vor.

Unsere Zusammenarbeit gleicht einem Tauschgeschäft; Sandy hilft mir, ich helfe ihr und oft ist die Grenze zwischen dem einen und dem anderen nicht ganz deutlich. Ich stelle einige ihrer fast schon klassischen Formen her; Teller, Servierplatten, Lasagnegeschirr, die auch in der Formgebung selbst Sandys unverwechselbare Handschrift tragen. Unverfälscht, einfach und unkompliziert sollen sie sein Ð eine Plattenwalze, zwei Tücher und freihändig gezeichnete Pappschablonen genügen, "no fuss". Unzählige Anregungen und Möglichkeiten eröffnen sich daraus, auch für meine eigene Arbeit.

Ihre Keramiken scheinen oft vor allem Leinwände für ihre Dekorationen zu sein. Die Pinselkiste ist eine wahre Fundgrube an Skurrilitäten. Buschiges, Borstiges und übel Zugerichtetes findet sich da und Sandy greift mit gezieltem Blick hinein und erklärt plausibel warum gerade dieses pinselartige Geschöpf unverzichtbar ist. Beobachtet man sie beim Bemalen ihrer Gefäße wird schnell die Eigenschaft und Funktion eines jeden klar. Auch jede ihrer Farben - mit Oxiden und Farbkörpern eingefärbte Versionen ihrer Basisglasur - hat ihre Eigenschaft, ihren Charakter; Sandy kennt sie und fordert sie immer wieder aufs Neue heraus. Was wie wahlloses Gepinsel erscheint, verbirgt klassische Dekorstrukturen, ist durchdacht bis zu einem gewissen Punkt, zu einer Basis auf der sie dann ihre ureigene Sprache entwickelt. Herausforderung, Inspiration im besten Sinne, denn ich fühle mich unmittelbar mitgerissen, aufgefordert zum Mitspielen und über-den-Zaun-Klettern. Pinsel und Farbe machen Bewegungen sichtbar, während des Brandes werden sie festgehalten und aufbewahrt: "The colour is thrown and the pot catches it.". Ich entwickle eine Vorliebe für das einst verschmähte Malhorn; bisher immer nur in Verbindung gebracht mit akkuraten Pünktchen und Linien, reagiert es noch unmittelbarer auf Handbewegungen als der Pinsel.

Man wagt kaum zu atmen, wenn Sandy dekoriert. Ein Tanz ist es, mit einem unsichtbaren Partner, demonstrativ und selbstbewusst und gleichzeitig sehr intim und zerstörbar. Das Schwierige scheint zu sein, nichts zu wollen, das Gelingen ist ein Geschenk, das nicht erzwungen werden kann. Wohl auch deshalb ist das öffnen eines gebrannten Ofens mit äußerst gemischten Gefühlen verbunden. Der Grat zwischen Gelingen und Verlieren ist schmal, "viel Milch und wenig Sahne", die Sahne ist dafür umso reichhaltiger.

Sandys Arbeitsweise bringt fast zwangsläufig Veränderungen in ihren Keramiken mit sich, kein Stück gleicht dem anderen, das letzte Stück ist immer auch der Auftakt zum nächsten. Dieses ständige Reagieren und Entdecken führt neuerdings zu auffällig weniger Farbe und Dekor. Sandy scheint ruhiger geworden zu sein, mehr im Einklang mit sich und ihrer Welt, ihre Keramiken sind es in jedem Fall. Der weiche, cremige Farbton ihrer Engobe spielt eine immer stärkere Rolle, trägt wunderbar die sparsam-frechen Kringel und Farbtupfer und bekommt im Zusammenspiel mit der Glasur den gewünschten, butterigen Charakter. Selbstvergessenheit und Verspieltheit statt demonstrativer Kraft und Energie scheint ihr ein wichtiger werdendes Anliegen geworden zu sein.

Unter all den wegbereitenden Eindrücken, die ich mitgenommen habe aus England, prägt vorallem das Vertrauen in die eigene Stimme. Denn gerade durch Sandys eigene, so markante Handschrift ergab sich die unerwartete Chance und Herausforderung im Umgang mit denselben, ihren Materialien und Farben meine ganz eigene Sprache zu finden.

 

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